Mit dem Erfolg von „50 Shades of Grey“ stiegen nicht nur die Umsatzzahlen von Sexspielzeug und Co, auch ein Buch war besonders gefragt, das schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hat: „Tess of the d’Urbervilles. A pure Woman Faithfully Presented “ („Tess von den d’Urbervilles: Eine reine Frau“) von Thomas Hardy. Die Umsatzzahlen dieses Klassikers stiegen plötzlich um 300 Prozent. Warum? Weil dieses Buch eine große Rolle in der Geschichte zwischen Anastasia und Christian spielt – von teuren Erstausgaben über Zitatvorlage bis hin zum Studienobjekt. Grund genug, um sich diese Geschichte einmal genauer anzuschauen. Wer ist Thomas Hardy eigentlich, was macht Tess so interessant und was haben beide Geschichten vielleicht gemeinsam?

Der Schriftsteller Thomas Hardy

In diesem Jahr wäre er 175 Jahre alt geworden. Thomas Hardy wurde am 2. Juni 1840 geboren. Er war ein englischer Schriftsteller, der neben seiner Arbeit als Kirchenrestaurator schrieb. Berühmt wurde er mit den „Wessex“-Romanen, die allesamt rund um seinen Heimatort Dorchester spielen. Dem folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten und Gedichte. In seinen Romanen legte er sich nicht auf ein Hauptthema fest. So umfasst sein Gesamtwerk realistische Geschichten über das Landleben, aber auch Humor, Tragik, Verdächtiges und Sentimentales ist hier zu finden. Insgesamt sind 14 Romane und 1000 Gedichte veröffentlicht. Hardy starb am 18. Januar 1928.

Die Geschichte von Tess

Der Roman über Tess erschien 1891. Es sollte sein vorletzter Roman sein. Ihm folgte nur noch „Jude the Obscure“ („Herzen im Aufruhr“). Heute zählt der Roman zu seinen Klassikern. Zur Zeit von dessen Erscheinung war der Autor jedoch einigen Kritiken ausgesetzt. Die Handlung dreht sich um die junge adlige Tess Durbeyfield, deren Familie verarmt ist. Ihr Vater ist dem Alkohol verfallen und so ist sie gezwungen, eine Anstellung zu finden – als Hausmädchen. Alec Stoke-d’Urbervilles, Sohn einer reichen Witwe macht ihr schließlich den Hof und wird zudringlich. Es ist dem Leser überlassen, ob ihre Begegnung eine Verführung oder eine Vergewaltigung darstellt. Tess wird schwanger. Überall verstoßen, wird das Kind schwach geboren und lebt kaum zwei Jahre. Durch eine neue Anstellung findet sie ihre Jugendliebe Angel Clare wieder. Dieser macht ihr einen Heiratsantrag, doch Tess muss ihm von ihrer Vergangenheit erzählen. Verstoßungen und Rache folgen.

Der Roman handelt somit auch von Moral und sexueller Doppelmoral, dem Tess zum Opfer fällt. Die Gesellschaft verachtet eine doch eigentlich gute Frau, die vor lauter Unerfahrenheit ihre Unschuld vor der Ehe verliert. Der Beititel des Romans belegt Hardys Intension deutlich: „eine reine Frau, getreulich dargestellt“. Wer neugierig geworden ist, kann das Buch bei Amazon bestellen:

Der Roman wurde 2008 von der BBC verfilmt. Regie führte David Blair. Das Video ist hier zu bekommen:

Die kleinen Feinheiten und Gemeinsamkeiten

Insgesamt ist es auf den ersten Blick verwunderlich, dass Autorin E. L. James gerade dieses Werk nutzte, um sie mit einer Geschichte zu verbinden, die unter anderen auch von der weiblichen Unterwerfung handelt. Denn Hardy galt als der erste Feminist in der Literatur. Doch die Werke haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick sieht. So ist auch in Hardys Geschichte die Heldin Tess völlig unerfahren und macht mit Alec ihre ersten Erfahrungen – nicht ohne Gewalt, wie der Leser interpretieren kann. Dadurch ist das Werk eine klare Aufforderung, die bürgerliche Moral zu überwinden. Geht es nicht darum auch in „50 Shades of Grey“? Hier muss eine junge Frau ihre eigene Moral infrage stellen und sich überprüfen, ob sexuelle Grenzen oder unentdeckte, beschämende Gefühle in ihre Welt passen. Erinnern wir uns nur an Kates Ausbruch, als die beste Freundin Anas eine E-Mail rund um die Vertragsverhandlungen fand. Ihre Frage lautete: „Was hat er ihr angetan?“. Zu diesem Zeitpunkt hat Ana sich längst über diese Moralvorstellung ihrer Freundin hinaus entwickelt. Schläge sind für sie keine „Tat“ mehr.
Und auch Christian und Alec haben einige Dinge gemeinsam: den Kontroll- bzw. Verfolgungswahn. Während Christian das mit neuesten Technologien tut, macht das Alec auf die alte Methode. Beide Männer machen Geschenke, beiden Frauen sind diese unangenehm. Beide Männer sind von ihrer „Schlechtigkeit“ überzeugt. Und auch die Warnung der Mutter, Männer würden nur zu ihrem Vorteil handeln, bekommen beide Heldinnen gemeinsam in beiden Geschichten. Letzteres betont E. L. James in ihre Geschichte sogar und nutzt es als Zitatvorlage für Anastasia.

Auf den zweiten Blick ist es also nicht ganz so verwunderlich, dass die Autorin sich gerade diesen englischen Klassiker ausgesucht hat. Für den Fan ist es fast ein Muss, aber auch aus anderen Gründen ist dieses Buch absolut lesenswert. E. L. James sagt selbst, dass diese tragische Geschichte einer wunderschönen Frau Teil ihrer Inspiration für „50 Shades of Grey“ war. Die Lektüre ist also auch gleichzeitig eine Art, in den Schuhen der Autorin zu wandeln.

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