Genauer betrachtet: Der Kontrollfreak und der eifersüchtige Christian Grey

‚Hört sich an, als wären Sie ein Kontrollfreak.‘ Die Worte rutschten mir heraus, bevor ich es verhindern kann. ‚Ich übe in der Tat in allen Bereichen des Lebens Kontrolle aus, Miss Steele.‘

Mit diesem kurzen Wortwechsel ist ein wichtiger Charakterzug des Helden in „50 Shades of Grey“ auf den Punkt gebracht. Christian Grey muss über alles die Kontrolle behalten. Er genießt das Gefühl der Macht, wie er nur kurze Zeit später im Interview mit Anastasia zugibt.

„Oh Gott, ein Kontrollfreak“ – so reagiert im echten Leben so manche beste Freundin oder die Mutter auf entsprechende Erzählungen. Denn eine Beziehung mit solch einem Exemplar kann extrem schwer bis unmöglich sein. Doch was ist das eigentlich – ein Kontrollfreak: Wie äußert sich dieser Charakterzug? Was ist davon eine Macke, was ist krankhaft? Wir sind dem einmal auf die Spur gegangen und haben uns näher mit dem Thema beschäftigt. Im Bezug auf unsere Lieblingstrilogie interessiert natürlich am meisten, welche Auswirkungen der Kontrollfreak auf die Geschichte von Ana und Christian hat.

Kontrollfreak: Was steckt dahinter und was trifft auf Christian zu?

Wikipedia definiert den Kontrollfreak als umgangssprachliche Bezeichnung für einen Menschen, der „versucht, alles um sich herum zu kontrollieren“. Der Ausdruck stamme aus dem Englischen und wurde von „Control Freak“ zu Kontrollfreak eingedeutscht. Notwendig wurde die Bezeichnung vor allem in den sechziger Jahren, in einer „Zeit, in der viel Wert darauf gelegt wurde, dass Kontrollkämpfe und Fremdbestimmung zu vermeiden seien.“ Kontrollfreaks seien demnach Perfektionisten, die eine innere Verletzbarkeit zu schützen versuchen. Sie betteln, reden zu oder befehlen – Dominanz soll Traumata aus der Kindheit vermeiden. Und eben das macht die meisten Kontrollfreaks für Frauen sexy. (Wer mehr wissen will, hier unser Artikel über dominante Männer)

Nicht zu verwechseln ist der eher umgangssprachliche Kontrollfreak mit Personen, die unter Kontrollzwängen leiden. Das ist eine psychologische Krankheit, hinter der sich die permanente Überprüfung gleicher Dinge verbirgt: Ist der Ofen ausgestellt? Ist der Kühlschrank geschlossen? Habe ich alle wichtigen Dinge in der Tasche? Die Krankheit beginnt mit Kontrollgedanken und kann in einem Zwangsleiden gipfeln. Experten gehen davon aus, dass rund 2,5 Prozent der Bevölkerung von diesem Zwangsleiden betroffen sind. Das entspricht etwa 1,5 Millionen Deutschen.

Welcher Typ ist Christian? Wir meinen, für ihn trifft eher die umgangssprachliche Bezeichnung und Definition zu, obwohl auch Christian Grey einige Züge hat, die einer beginnenden Zwangskrankheit zugeschrieben werden könnten. Vor allem in Bezug auf Emotionen, menschlichen Umgang und die Beziehung zu Anastasia verschwimmen hier bei ihm die Grenzen ein wenig. Doch das macht gar nichts – schließlich ist Christian Grey ein fiktiver Charakter. Er kann alles sein, was sich die Autorin vorstellt und die Leser lieben. Und so äußert sich seine Kontrollfreak-Ader vor allem auch in der Eifersucht, die er ebenfalls fast zwanghaft Ana gegenüber äußert.

Bei Christian geht die Kontrollsucht mit Eifersucht einher

Nicht immer treten beide Eigenschaften gleichermaßen auf. Doch Christian Grey verkörpert seinen individuellen Kontrollzwang vor allem auch in seiner Eifersucht. Auch hier sollte nicht alles streng wissenschaftlich analysiert werden. Doch bei genauem Hinschauen entdeckt der Leser einige Züge bei Christian Grey, die Eifersuchtskranke entwickeln. Das Gefühl der Vernachlässigung, die Angst vor Zurückweisung, die Panik, dem Partner nicht mehr wichtig zu sein – versucht Christian nicht all das mit seinem Sub-Vertrag zu vermeiden?
Eifersucht ist jedoch auch das Gefühl von Anspruch auf Liebe oder der Verlustangst. Doch gerade Ersteres verweigert Christian Grey ja fast vollständig anderen und sich selbst gegenüber. Dem Leser mag es unterhaltsam vorkommen, wie Christian auf beispielsweise Mister Clayton im Baumarkt oder auf den vermeintlichen Rivalen José reagiert. Doch dahinter steckt nichts anderes als besitzergreifende Eifersucht.

Ein Mechanismus, um sich vor dem negativen Gefühl Eifersucht zu schützen: Seine Kontrollsucht. Ein kläglicher Versuch, der sowohl in der Realität als auch in der Fiktion zum Scheitern verurteilt ist. Denn Gefühle (einschließlich Liebe und Eifersucht) lassen sich eben nicht kontrollieren. Dazu kommt, dass die Ursachen von Eifersucht (und bei Christian damit auch für seine Kontrollsucht) gar nicht am Partner, sondern am eifersüchtigem Mensch selbst zu finden sind: Mangel an Selbstbewusstsein, Minderwertigkeitskomplexe & Co. Gerade Ersteres kann sich der Leser bei Christian Grey (zumindest am Anfang der Geschichte) kaum vorstellen. Der erfolgreichste Milliardär aller Zeiten leidet an minderwertigem Selbstbewusstsein? Und doch: Sätze wie „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.“ und „Bitte hass mich nicht.“ sowie die langsam offenbarte Kindheit inklusive Missbrauch des Romanhelden offenbaren auch solche möglichen Erklärungen für diese Eigenschaften.

Kontrollfreak und Eifersucht – Ist die Überwindung die wahre Geschichte des Buches?

Christian Grey stellt es von Anfang an klar, dass er ein Kontrollfreak ist. Er ist es gewohnt, das Essen seiner Sub, ihre sportlichen Betätigungen und ihr Wohlbefinden zu kontrollieren. Sie muss sich terminlich nach ihm richten und sogar bis zur Kleidung geht die Kontrolle – weit über die Sexualität hinaus. Einfach alles muss nach seiner Nase tanzen. Ist das die eigentliche Geschichte von „50 Shades of Grey“? Denn wenn man genau hinschaut, geht es doch darum, dass Christian seine Kontrollsucht und Eifersucht überwindet! Mit Anas Liebe, die sich nach und nach immer wieder den Regeln entgegenstellt, in den Vertragsverhandlungen ein härterer Partner ist, als erwartet, sich gegen die permanente Kontrolle wehrt und den Vertrag beispielsweise nie unterschreibt. Auch die Eifersucht und sowie die permanente Kontrolle lässt sie einfach nicht gelten: „Irgendetwas zwischen Kontrollfreak und Stalker, würde ich sagen … Hören Sie jetzt endlich auf, mir auf die Nerven zu gehen?“ Ana widersetzt sich unerwartet, spielt seine Regeln nicht immer mit und macht ihn sogar absichtlich eifersüchtig. Von Zeit zu Zeit läuft sie dem sonst alles und jeden kontrollierenden Mann immer wieder weg. Gibt es eine bessere Therapie?

Daher ist es eigentlich glasklar: „50 Shades of Grey“ ist eine Geschichte, wie Anastasia Steele den aus der Kindheit traumatisierten Christian Grey zu einem zur Liebe und Vertrauen fähigen Mann macht. Vom Kontrollfreak zum Ehemann: „50 Shades of Vertrauen“ meinen wir – eine erfrischende andere Perspektive!