Arbeitsverwandt oder zwei Paar Schuhe? Was den Buchautor vom Drehbuchautor und Regisseur unterscheidet

Kaum ist der Film in den Kinos, schon ist die Fortsetzung in aller Munde. Dass „50 Shades of Grey“ eine Trilogie werden würde, hatte Regisseurin Sam Taylor-Johnson bereits vor der Premiere des ersten Teils bestätigt. Doch wird die 47-Jährige auch bei den beiden weiteren Filmen Regie führen? Denn gerade das vom Filmstudio an Buchautorin E. L. James eingeräumte Mitspracherecht habe ihre Arbeit enorm belastet und diversen Interviewzitaten zufolge sei es ein „ein unglaublich schmerzhafter Prozess gewesen“. So steht ein großes Fragezeichen hinter ihrem Namen. Zum einen solle sie, verschiedenen Quellen nach, selbst aussteigen wollen, zum anderen sei auch das Filmstudio einverstanden. Auch in die Arbeit der Drehbuchschreiber habe sich James stark eingemischt. Kelly Marcel soll diversen Meldungen nach auch nicht mehr für den zweiten Teil zur Verfügung stehen. Und schon melden manche Medien, dass E. L. James für den kommenden Teil plant, das Drehbuch einfach selbst zu schreiben. Größenwahn? Oder Berechtigung? Wozu muss es überhaupt ein Drehbuch geben, wenn doch die Buchvorlage bereits aus ihrer Feder stammt? Was unterscheidet das Drehbuch und warum gibt es Regisseure?

Buch ist nicht gleich Buch: Vom Roman zur Regieanweisung

Im Gegensatz zum Roman liest sich das Drehbuch längst nicht so angenehm. Und das soll es auch gar nicht. Denn das Drehbuch erfüllt einen anderen Zweck. Während im Roman die Geschichte in Worten geschildert wird, drückt das Drehbuch eben diese in bewegten Bildern aus. Hier werden Personen, Handlung und Dialoge filmisch beschrieben. Ein Kinowerk folgt anderen Dramaturgie- und Spannungsregeln als ein Buch. Während der Roman dem Leser eine eigene Fantasie im Kopf Raum gibt, ist das Drehbuch bereits so präzise formuliert, dass das Kino im Kopf nur noch ein einziges Bild zulässt – eben das beschriebene. Als Beispiel: Der Einstieg im Buch mag (frei erfunden) folgend lauten: „Ein lauer Herbstabend in Seattle zeugte längst nicht vom bevorstehenden Winter inmitten der Hochhäuser.“ Im Drehbuchentwurf kann das ganz anders klingen (ebenfalls frei erfunden): „Die Kamera verfolgt ein Blatt, das vom Wind getragen durch die Straßen zwischen den Hochhäusern fliegt. Es landet vor dem Firmengebäude, über dessen Türen in großen Buchstaben ‚Grey Enterprise Seattle‘ geschrieben steht.“ Mit dem Drehbuch werden keine Kapitel geschrieben, sondern Szenen. Was im Buch als Beschreibung möglich ist, können Schauspieler manchmal längst nicht darstellen. Denn das Buch hat einen Vorteil: den Erzähler. Im Film müssen dies Bilder, Schauspieler und Musik gleichermaßen übernehmen. Das Drehbuch dient demnach der Übersetzung und als Zwischenschritt von Roman zum Film. Und hier ist bildliche Vorstellungskraft unabdingbar, jedoch in einfachen Worten ausgedrückt.

Das Drehbuch entsteht ebenso wenig in einem Guss, wie andere künstlerische Werke. Bevor das Drehbuch in seiner Endfassung von einem Filmstudio angenommen wird, entsteht es zumeist zunächst als Exposé, dann als Treatment, Szenarium bis hin zur Rohfassung und überarbeitenden Version. Bis dahin ist es harte Arbeit. Das Drehbuch beinhaltet unter anderem:

Ortsangaben: Außen/Hochaus/Tag

Handlungsanweisungen: Ana steht vor dem Eingang von „Grey Enterprise Seattle“ mit dem Handy am Ohr und schaut von oben nach unten.

Regieanweisungen: Ana (entschlossen ins Telefon) Ich werde das Interview schon hinbekommen (das Handy zuklappend und das Blatt aufhebend)

Kamerabewegungen: Schwenk vom Fußboden mit Bewegung des Blattes

Letzteres wird jedoch vermehrt nur in Amerika angegeben. In deutschen Drehbüchern werden den Regisseuren und Kameramännern diese Details überlassen.

Weitere Unterschiede zwischen Drehbuch und Roman sind sprachlicher Natur. Ein Drehbuch ist beispielsweise immer im Präsens formuliert, die Dialoge werden (wenn bereits vorhanden) an die Schauspieler angepasst und es werden nur Informationen und Details erwähnt, die später auch auf der Leinwand zu sehen sein werden. Deswegen ist der Beruf des Drehbuchautors ein eigenständiger. Nicht jeder Autor kann gute Drehbücher schreiben, nicht jeder Drehbuchautor könnte Romane verfassen.

Von der Regieanweisung zum Dreh: Die Arbeit des Regisseurs

Ist das Drehbuch fertig, kommt meist erst der Regisseur ins Spiel. Er nimmt das Drehbuch als seine Vorlage und beginnt nun mit seiner eigenen kreativen Arbeit. Je nach Vereinbarungen arbeiten sie eng mit Autoren oder Drehbuchautoren zusammen, sie wirken bei der Auswahl der Schauspieler mit, stellen das Team rund um Kameramänner, Kostüm- und Szenebildbauer, Masken bis hin zu Regieassistenten zusammen und erstellen nicht selten ein Regiebuch, Story-Bord oder Shooting Script. Regisseure wählen oft die Drehorte aus, entscheiden über die Kulissen, Kostüme und Szenen sowie führen vor Ort die Dreharbeiten. Hier leiten Regisseure die Einstellungen in Anzahl, Art, Bewegung und Bildausschnitt. Sind die Dreharbeiten beendet, ist die Arbeit eines Regisseurs längst noch nicht vorbei. Es folgt der Rohschnitt, der Feinschnitt, Synchronisation, Vertonung und weitere Schritte der sogenannten Postproduktion. Der Regisseur führt demnach einen großen Stab von Personen, die rund um den Film beschäftigt sind. Er ist der Urheber des Filmes, auch wenn dieser auf einer Romanvorlage beruht. Denn im Regelfall hat er kreative Freiheit. Lediglich mit dem Produzenten muss er eng zusammenarbeiten, der vor allem die Kosten verwaltet und oft über Ablauf und Planung der Produktion entscheidet. Allein diese Aufgaben sind oft schon eine Gratwanderung, nicht einfach und verlangen ein hohes Maß an Kreativität. Deswegen sind auch Regisseure meist gut bezahlt, tragen sie eine nicht kleine Verantwortung.

Anmerkung zum Video: Gerüchten zufolge sollen die Dreharbeiten für Teil 2 im ersten Quartal 2016 beginnen. Das heißt, der Film würde erst Ende 2016 oder Anfang 2017 in die Kinos kommen. Bestätigt ist allerdings noch nichts.

E.L. James aus Drehbuchautor und Regisseur?

Betrachtet man nun diese Fakten, so werden die Aussagen von Sam Taylor-Johnson in ein ganz anderes Licht gerückt. Denn dieser Job ist längst nicht einfach. Stellt man sich nun eine Autorin wie E. L. James vor, die ebenso genaue Vorstellungen hat, so ist es nicht abwegig, dass die Diskussionen teils „schmerzhaft“ wurden. Denn James soll sich nicht nur in die Darstellung der Sexszenen eingemischt haben. Taylor-Johnsons kreative Freiheit war somit stark von ihr eingeschränkt.

Aber ist es die Lösung, dass James Drehbuch und vielleicht sogar Regie selbst übernimmt? In unseren Augen nicht! Das Mitspracherecht, das Universal ihr zugesichert hat, sollte ausreichen, um ihre Handschrift auch in den Filmen garantieren zu können. Aber eine Autorin sollte kein Drehbuch schreiben, wenn sie es nicht gelernt hat. Auch wenn wir Erika einiges zutrauen, das Risiko wäre doch sehr groß. Und ebenso ist die Regie eines Filmes ein ganz anderes Blatt. Daher glauben wir, dass der Schuster besser bei seinen Leisten bleiben sollte. Wir würden uns lieber über neue Bücher von ihr freuen.

Soll E.L. James das Drehbuch für "Gefährliche Liebe" schreiben?

Ergebnis

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