Eigentlich war es eher unverständlich, dass die Presse sogar ein neues Genre finden musste, um die
Trilogie von „50 shades of grey“ einzuordnen. „Mommy Porn“ wurde nach dem enormen Erfolg
reißerisch in den Schlagzeilen kreiert. Fast könnte man meinen, dass vor E.L. James noch niemand
Erotik oder gar SM-Praktiken in einer Liebesgeschichte verwendet hätte. Dass das nicht so ist, weiß
der Fan spätestens seit der Liste „10 Lieblingsbücher im Stil von Shades of Grey“. Im Gegenteil:
Sex in der Literatur ist so alt, wie diese selbst. Auch SM-Praktiken fanden sich schon immer in
Büchern. Erste Zeugnisse gibt es in Werken des 1. oder 2. Jahrhunderts nach Christus: im 6. Buch
der „Satiren“ vom römischen Dichter Decimus Iunius Iuvenalis sowie in „Saryricon“ von Titus
Petronius Arbiter. Andere Anekdoten, die Fessel- und Peitschpraktiken integrieren, gehen zurück bis
ins 3. und 4. Jahrhundert. Sicher vielen bereits vor dem enormen Erfolg von „50 shades of grey“ ein
Begriff: das Kamasutra. Ja, auch dieses Werk der Liebe ist Jahrtausende alt und beinhaltet nicht nur
schlagende Praktiken, sondern auch erste Sicherheitstechniken. Die Geschichte des
Sadomasochismus in der Literatur ist vielfältig und hochinteressant. Und auch auf der Leinwand
sind zweideutige Andeutungen und eindeutige Posen keine Seltenheit – es gab sogar schon einen
Mr. Grey!

Kamasutra

Das Kamasutra bei Amazon

Das etwas andere Kamasutra

Das etwas andere Kamasutra bei Amazon

Sadomasochismus in der Literatur: Theorie und Praxis liegen nah beieinander

Abseits der Missionarsstellung haben sich Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert vor
allem zwei Männer mit ihren Werken hervorgetan und im wahrsten Sinne des Wortes sich damit
einen Namen gemacht: Marquise de Sade und Leopold von Sacher Masoch. Erster schrieb seinen
Klassiker „Die 120 Tage von Sodom“ sowie „Justine oder das Unglück der Tugend“ im Gefängnis.
Zweiterer musste eine Indizierung seines Werks „Venus im Pelz“ bis 1958 hinnehmen. Grund war
nicht die eventuell freizügige Beschreibung von sexueller Handlung oder gar die kaum
vorkommende Nacktheit, sondern die Darstellung von Lust durch Auspeitschen und Unterwerfung.
Die Männer, die dem Sadomasochismus den Namen gaben, gerieten jedoch in Vergessenheit.
Anfang des 19. Jahrhunderts kam dann der Trend von Erlebnisberichten auf. Eines der wichtigsten
Werke dieser Epoche war „Venus-School-Mistress“ oder „Birchen Sports“ von Theresa Berkley. Die
Engländerin war Besitzerin eines Bordells und berichtete quasi aus erster Hand. Ihr wird übrigens
auch die Erfindung der Folterbank „Berkley Horse“ nachgesagt.

Justine

Justine bei Amazon

Venus im Pelz bei Amazon

Venus im Pelz

Zwischen Skandal und Indizierung: SM in Popkultur und heutige Literatur-Klassiker

Ein Klassiker, der unbedingt erwähnt werden muss, ist das Werk „Geschichte der O.“ von Anne
Declos (bekannter unter Dominique Aury). Die französische Journalistin und Literaturkritikerin
veröffentlichte dieses Werk unter dem Pseudonym Pauline Reage und sorgte dafür Mitte des 20.
Jahrhunderts für einen Skandal. Die detaillierte Schilderung weiblicher Unterwerfung aus der Sicht
der Heldin wurde ebenso indiziert. Declos schrieb das Buch, um den Schriftsteller Jean Paulhan an
sich zu binden, der eine Vorliebe für die Werke des Marquise de Sade hatte. Das Unterfangen
gelang und mit ihm entstand eines der entscheidendsten Romane der SM-Literatur mit
weitreichendem Einfluss auf die erotische Literatur. Ähnliche Bedeutung errang nur noch das Buch
„9 1/2 Wochen“ von Elizabeth McNeill, das 1978 zunächst anonym erschien. Beiden Klassikern
folgten Verfilmungen.

Geschichte der O

Geschichte der O bei Amazon

9 1/2 Wochen

9 1/2 Wochen bei Amazon

Eine Kultfigur der BDSM-Szene hat es sogar bis in die Popkultur geschafft: Sweet Gwendoline. Ihr
Siegeszug nahm seinen Anfang in den Comics von John Willie, der die kurvenreiche Blondine in
zahlreich fesselnde Situationen schickte. Aufgegriffen von der Punkband „Die Ärzte“ gelangten die
Inhalte in den achtziger Jahren in die Musikszene, als Liedinhalt, Maskottchen, indizierten
Konzerteintrittskarten und vieles mehr. Auch Gwendoline schaffte es ins Kino. Der französische
Filmregisseur und Modefotografen Just Jaeckin brachte 1984 den gleichnamigen Film auf die
Leinwand. Das Cover des Soundtracks wurde erneut indiziert, erst 2006 war die Version eines
„Directors Cut“ möglich.

SM auf der Kinoleinwand: Filmklassiker der vergangenen Jahre

Wie bereits erwähnt, ist mit der Verfilmung von „50 shades of grey“ keine Premiere für
sadomasochistische Inhalte auf der Kinoleinwand geschaffen. Denn auch hier gibt es schon seit
Bestehen Fesselndes und Schlagendes zu sehen. „Die Geschichte der O“ und „9 ½ Wochen“ waren
Literaturverfilmungen. Ohne literarische Vorlage, sondern aufgrund des gleichnamigen Liedes von
Bobby Vinton sorgte „Blue Velvet“ (zu deutsch: verbotene Blicke) von David Lynch für eine
kontroverse Kritikerdiskussion. Lynch selbst tat sich jahrelang schwer mit dem Film: Es brauchte
mehrere Jahre und vier Drehbuchentwürfe, bis die Dreharbeiten begannen. In dem Film wird
Collegestudent Jeffrey Beaumont mit Gewalt und sadomasochistischen Sexualpraktiken einer
amerikanischen Kleinstadt konfrontiert. Lynch wurde dafür mit einer Nominierung für den Oscar
ausgezeichnet.

Blue Velvet

Blue Velvet bei Amazon

In „Body of Evidence“ wird die von keiner geringeren als Madonna gespielten Rebecca verdächtigt,
ihren vermögenden Liebhaber mit Sex zu Tode gebracht zu haben. Der ermittelnde Anwalt beginnt
eine Affäre mit der Angeklagten. Dieser filmische Versuch von Uli Edel wurde jedoch von den
Filmkritikern in der Luft zerrissen. Anspruchsvoller wird hingegen „Secretary“ von 2002
angesehen: ein Liebesdrama um die sadomasochistische Affäre zwischen der Sekretärin Lee
Holloway und ihrem Chef E. Edward Grey.

Secretary 1 und 2

Secretary 1 und 2 bei Amazon

Es gab also schon einmal einen Mr. Grey auf der Kinoleinwand. Ob die Namensgleichheit mehr
Zufall als gewollt ist, wagen wir hier nicht zu beurteilen. Zumindest haben Maggie Gyllenhaal und
James Spader eine schauspielerische Meisterleistung vorgelegt. Gyllenhaal wurde für ihre Rolle in
„Secretary“ mit mehreren Preisen und einer Golden Globe Nominierung ausgezeichnet. Wir hoffen,
dass auch Jamie Dornan und Dakota Johnson ähnliche Erfolge feiern werden.