Mit oder ohne Milch im Kaffee: „Grey“ erklärt so manche Mythen

Happy Birthday, Christian – das prangerte auf zahlreichen Social Media Walls am 18. Juni. Denn der fiktive Milliardär Christian Grey hatte Geburtstag. Doch dieses Datum war für die Fans in diesem Jahr gleich dreifach von Bedeutung. Denn neben dem Jubiläum des Hauptprotagonisten kam auch endlich die DVD- bzw. BluRay-Version des Filmes heraus. Und: das vierte Buch. „Grey“ heißt die Fortsetzung, die E. L. James an dessen Geburtstag nun auf den Markt brachte. Zunächst nur auf Englisch. Doch da mir das Warten bis zur deutschen Fassung am 21. August zu lang war, lud ich kurzerhand das Original auf meinen E-Book-Reader. Und begann, auf Englisch zu lesen …

Achtung Spoiler: Wer neugierig bleiben will, sollte hier aufhören, diesen Artikel zu konsumieren, auch wenn die Betrachtung rein subjektiv ist, wird ein Teil des Inhaltes verraten.

Erster Eindruck: Die Einzelheiten der Erzählung

Ich überblätterte die zahlreichen Danksagungen. Die interessierten mich nicht. Vielmehr wollte ich endlich wissen, welchen Inhalt uns E. L. James bieten würde. Was würde sie von Christian erzählen? Gibt es mehr Rundum-Informationen? Das Inhaltsverzeichnis zuvor hatte mir auch nicht auf die Sprünge geholfen. Denn die einzelnen Kapitel trugen alle ähnliche Namen: Datumsangaben. Ich müsste also lesen, um alles zu erfahren.

Die Geschichte beginnt mit einem Traum. Christian träumt von seiner Kindheit. Danach erwacht er am Morgen des Interviews, zu dem Anastasia in sein Büro stolpern wird. E. L. James lässt also „Grey“ an einem ähnlichen Zeitpunkt beginnen, wie „Fifty Shades of Grey“. Nur eben aus Christians Sicht. An manchen Stellen gingen mir beim Lesen Ahhhhs und Ohhhhs durch den Kopf. Also so war das also in Wirklichkeit, denke ich mir vor allem auf den ersten Seiten. Aber irgendwie war die Neugier in diesem Moment in mir erloschen. Sagen wir es mal so: Nach den ersten Seiten machte sich ein wenig Ernüchterung breit. Denn dem Interview folgt die Baumarktszene, dann das Fotoshooting, das Buchgeschenk, Christian holt Ana aus der Bar in Portland … und so weiter. Ein wenig Enttäuschung schwang da beim Lesen schon mit, als ich merkte, dass es wohl nur die gleichen Szenen sind – angereichert mit Träumen aus der Vergangenheit. Manche Stellen verursachten sogar die Vermutung, dass die Autorin nur den ersten Teil des Buches genommen hatte, die Dialoge kopierte und dann rund herum mit Aktionen von Christian auffüllte. Tagebuchartig. Füllzeilen.

Doch dieses mulmige Gefühl legte sich schnell wieder, sobald ich in die Gedankenwelt von Christian eintauchen konnte. Angetrieben von unterhaltsamen Gedanken Christians, wie „Sie sah definitiv nicht zum Abschied geküsst aus“, „Scheiße, wo kam der Gedanke her“, „Scheiße, ist das ihr Freund? Vögeln sie?“ oder „Ich habe ein Date“ stieg die Lust, eben die bekannten Szenen mit seiner Sicht der Dinge neu zu entdecken. Plötzlich hatte ich eine Liste von Szenarien im Kopf mit der neugierigen Frage: Was zum Teufel hat ihn da nur geritten? Und so gab es immer noch einiges Neues zu entdecken – wie Christian zum Beispiel so schnell nach Portland kam, um Ana vor Josés Annäherungsversuch zu beschützen. Und welche Unsicherheiten sich doch in diesem Mann versteckten: „Steht sie nun auf mich oder nicht?“

Zweiter Eindruck: Schmutzige Männergedanken

Wenn Kritiker den ersten drei Büchern vorwarfen, dass sie schlecht geschrieben seien, so muss man der sprachlichen Erscheinung von „Grey“ diesmal eines unbedingt zugute halten: Auffällig ist der klare Ausdruck von Christian. Dieser Mann weiß genau, was er will. Und wenn er bei der ersten Begegnung in seinem Büro davon träumt, dass er die wunderschöne, schüchterne Ana „über das Knie legen will, den Hintern versohlen und sie dann direkt auf dem Schreibtisch ficken will, die Hände nach hinten gebunden“ – dann sagt er das auch so. In seinen Gedanken nimmt Christian kein Blatt vor den Mund. Im Gegensatz zu Anastasias Welt, in der auch die Freundinnengespräche mit Kate immer vom „rot werden“ gezeichnet waren, unterhält sich Christian mit Elliot über Schwänze. Ganz klar – die Sprache dieses Mannes ist deutlich schmutziger. Und so ist auch „Grey“ – das Buch – schmutziger. Hier explodieren keine Welten. Christian kommt einfach in Ana, verliert sich in ihr, kollabiert über ihr. Christian sammelt benutzte Kondome vom Boden und verknotet sie. Er könnte sie jederzeit und überall ficken. Sein Schwanz reagiert sogar während des Email-Verkehrs. Christian schmunzelt über Anas gewählte Namen wie „Red Room of Pain“. Dieses Buch ist eindeutig von Männersprache geprägt.

Dritter Eindruck: Die Hintergründe und zahlreiche erste Male

Oh Gott, mag so mancher Leser denken. Oh Gott Anastasia, lagst du mit deinen vielen Gedanken falsch, schoss es mir bei so mancher Begebenheit durch den Kopf. Diese Seite der Geschichte räumt auf mit den vielen selbstzweifelnden Gedanken des weiblichen Parts der Liebesstory. Denn Ana lag so oft mit ihren Vermutungen daneben, wie sie wohl nur konnte. Christian schien es ihr immer wieder zu sagen: „Denk nicht so viel nach“. So wie er es oft tat und damit Dinge verursachte, die ihm nicht bewusst waren. Doch so wie Ana konnte auch der Leser es nicht ernst nehmen und machte sich automatisch Gedanken. Dabei sind Christians Hintergründe für so manche Handlungen so einfach wie männlich. Er hat diverse Feinheiten nicht wahrgenommen. Die „ersten Male“ die Anastasia Steele in und um ihn auslöst, sind besser zu verstehen, nun, da der Leser in die männliche Gedankenwelt abtaucht. Der Kontrollfreak, der in Anas Welt ihre Gedanken rasend macht, mutiert in Christians Version zum bedingungslosen Wunsch, sie sicher zu wissen. Die Eifersucht, die in Anas Version ihr immer wieder das Leben schwer macht, mutiert in Christians Sicht der Dinge zum Besitztum. Und dem Wunsch nach Sicherheit. Die Geschenke, die Ana als Bezahlung für Sex empfindet, mutieren zu Entschuldigungen. Und dem Wunsch nach Sicherheit. Alles dreht sich darum, sie sicher zu wissen. Und das sie zu ihm gehört. So viele Details verkehren sich in dieser Version, in den Momenten, in denen Christian allein ist, ungeduldig auf Anrufe von Ana wartet, verrückt wird, weil sie nicht auf E-Mails antwortet. Ana redet im Schlaf und plötzlich denkt Christian mehr, als vermutet. Christian denkt anders. Ich erfuhr mehr über die Vergangenheit, mehr über Leila, mehr über Elena. Und immer wieder Begebenheiten aus seiner Kindheit. Gekrönt wird dieses in der Szene, in der Ana am Ende des ersten Teils Christian verlässt. Der Leser erfährt endlich, wie er sich fühlt. „Ich sinke langsam auf den Flur und lege meinen Kopf in meine Hände. Die Leere ist jetzt tief und schmerzvoll, überwältigt mich.“

Doch damit ist in „Grey“ noch nicht das Ende erreicht, wie es mit „50 Shades of Grey“ der Fall war – Taylor kehrt zurück, nachdem er Ana nach Hause gefahren hat. Elena ruft an, Christian isst nichts mehr, lehnt die Einladung auf ein Bier von Elliot ab, spricht mit Dr. Flynn … Was passiert? Was denkt Christian? Wer das wissen will, muss wohl doch zum Buch greifen. „Heute gewinne ich sie zurück.“ Und was es mit der Milch im Kaffee von Christian Grey auf sich hat – auch das erfährt der Leser nur beim Lesen!

Ein Buch, wie es angekündigt war

Unser Fazit über „Grey“: Ja, man könnte sagen, es ist nicht viel Neues. Und so mancher mag ein wenig enttäuscht sein, weil er mehr neue Einsichten erwartet hatte. Aber nein, es ist kein Abklatsch der ersten Version aus Anas Sicht. Denn das Buch tut genau das, was die Autorin vorher versprochen hatte – die Geschichte aus Christians Sicht zu erzählen. Für den Fan von „Fifty Shades of Grey“ ist damit Band 4 ein regelrechtes Muss. Wer die Story bisher nicht mochte, wird sie auch mit „Grey“ nicht lieben. Und so könnte so mancher Kritiker die gleichen Argumente hervorkramen, die bereits bei den ersten Teilen als Kritik geäußert wurden. Und dennoch: Der vierte Band bietet eine neue Art der Unterhaltung – mit vielen „Ahhhhs“ und „Ohhhhs“. Teil Fünf und Sechs könnten bereits in den Startlöchern stehen.

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