Zwischen Realität und Fantasie: Interview mit einem Dom über „Shades of Grey“

Er ist Mitte dreißig, mit Ecken und Kanten, aber ein Genussmensch – und: Er ist ein Dom im wahren Leben. Weit weg von literarischer Fantasie gibt es sie – die reale BDSM-Szene. Wie viele Menschen der Neigung anhängen, ist schwer zu sagen. Die Studien weltweit veröffentlichen verschiedene Zahlen – von drei Prozent der Bevölkerung bis hin zu 31 Prozent der Befragten der Studie „British Sexual Fantasy Research Project“, die sexuelle Fantasien mit BDSM-Inhalte haben. Doch er ist 100 Prozent echt: „Gentledom“*. Er besitzt ein Spielzimmer, ist aktuell solo, lebt dennoch mit einer Spielgefährtin seine Leidenschaft aus. Als Gentledom betreibt er die Internetseite www.gentledom.de – ein Informationsportal rund um BDSM. Ist er ein Christian Grey des wahren Lebens? Das fragt sich mancher Leser! Eben diese Frage haben wir ihm auch gestellt – im Interview.

Shades-film.de: Eine kleine Vorstellung: Wer bist du?

Gentledom: „Als ich mich vor vielen Jahren zum ersten Mal bei einer BDSM Community angemeldet habe, brauchte ich natürlich einen Nick und da fiel meine Wahl auf GentleDOM. Ja damals dachte ich mir, das Dom müsste extra betont werden und so schrieb ich die Buchstaben groß. Für mich stand der Name auf der einen Seite für einen Gentleman, der aber eben zugleich auch sehr dominant ist. Zum Glück habe ich schnell gemerkt, dass man Dominanz niemals extra hervorheben sollte, sie ist entweder da oder eben nicht und seitdem bin ich zu Gentledom übergegangen.

Der Dom ist aber nur ein kleiner Teil meiner Persönlichkeit. Die Frage danach, wer ich bin, wäre daher anders zu beantworten: Ich bin ein Mann Mitte dreißig, bin sozial engagiert, habe Ecken und Kanten, bin Genussmensch und mag gutes Essen und ebensolche Konversation, aber bevor ich abdrifte mache ich hier mal einen Punkt, denn ich denke die meisten Leser werden vor allem am Dom interessiert sein, denn sympathische (ich nehme diesmal für mich in Anspruch) Männer kennen sie sicher schon zur Genüge.

Bekannt geworden bin ich durch meine Webseite gentledom.de. Anfangs habe nur ich dort Texte zu dem Thema BDSM veröffentlicht, inzwischen unterstützt mich dabei ein größeres Team.“

Shades-film.de: Wie kann sich die unwissende Leserin von „Shades of Grey” das Leben eines realen Doms vorstellen?

Gentledom: „Das Vorhandensein eines Spielzimmers ist eher ungewöhnlich, aber ehrlich gesagt benötigt man einen solchen Raum einfach nicht. Ich hatte nach meinem letzten Umzug noch einen ungenutzten Raum und hatte einfach sehr viel Spaß daran, diesen in ein Spielzimmer zu verwandeln. Dennoch halte ich mich in fast jedem anderen Raum häufiger auf als dort. BDSM hat für mich weniger etwas mit Gerätschaften, sondern mit Konsequenz, Kreativität, Lust und Einfühlungsvermögen zu tun.

 

 

Mir ist meine Work-Life-Balance wichtig und somit versuche ich, nicht mehr als sieben Stunden pro Tag zu arbeiten, was mir fast immer auch gelingt. Daneben bin ich 1-2-mal die Woche bei einem Brettspiele-Abend, 2-3-mal beim Sport (zumeist Badminton), besuche regelmäßig meine Eltern und koche mit Freunden oder gehe aus.

Auch wenn ich solo bin, lebe ich nicht gänzlich abstinent. Einmal die Woche kommt eine Affäre (BDSMler sagen dazu auch Spielpartnerin) zu mir und wir haben unseren Spaß, jedoch unternehmen wir auch außerhalb dessen etwas miteinander. Was wir genau machen, wird hier aber nicht verraten.“

Shades-film.de: „50 Shades of Grey“ hat für ziemlichen Wirbel gesorgt. Plötzlich ist BDSM in aller Munde. Wie reagiert man als Dom auf diesen Wirbel?

„Ich habe erst mal gar nicht darauf reagiert. Erst als mir die Kritik aus der Szene zu viel wurde, habe ich mich zu diesem Thema geäußert. Ansonsten freue ich mich sehr darüber, dass es nunmehr etwas leichter ist, das Thema bei einem normalen Kennenlernen anzusprechen. Ich glaube durch die Buchreihe trauen sich viel mehr Frauen, sich zu ihren Bedürfnissen zu bekennen und ich finde es sehr schade, dass es nicht auch ein entsprechendes Buch für die Männerwelt gibt.“

Shades-film.de: Klischees und Vorurteile: Schadet das Buch, ist es voll davon oder hilft es, BDSM aus der gewaltverherrlichenden Ecke herauszuholen?

Gentledom: „Ich kann dazu nichts sagen, dafür kenne ich das Buch nicht gut genug. Gewaltszenen physischer und psychischer Natur, wie sie zum Beispiel im Roman „Safeword“ vorkommen, sind mir aus SoG zumindest nicht bekannt. Nach meinem Wissensstand sind die Praktiken für einen BDSM Roman eher softer Natur und damit wäre es denn wohl eher eine Hilfe.“

Shades-film.de: Du hast das Buch nicht gelesen – warum nicht? Welche Literatur bevorzugst du?

Gentledom: „Ich lese gerne und viel, aber in der Regel sind es Artikel zu den Themen Politik, Geschichte, Philosophie, Zeitgeschehen, Soziologie und Psychologie. Ich war lange Zeit eine große Leseratte und habe so ziemlich jeden historischen Roman verschlungen, inzwischen hat sich das aber geändert.“

Shades-film.de: Auch ohne zu lesen wagst du auf deiner Internetseite einen Vergleich zwischen dir und Christian Grey. Bist du ein wahrer Christian Grey?

Gentledom: „Ich kenne die Figur zu schlecht, als dass ich mich ernsthaft mit ihm vergleichen könnte. In meiner Kindheit gab es auch ein traumatisches Erlebnis, aber das war ein Unfall. Und den hatte ich bereits verarbeitet, lange bevor ich das erste Mal eine Gerte in die Hand nahm. Ansonsten war meine Kindheit sehr behütet und liebevoll. Mit 26 Jahren war ich zwar Geschäftsführer einer GmbH, aber dieses Unternehmen betrieb ich eher als willkommenen Vorwand, um nicht ganz so schnell mit meinem Jurastudium fertig sein zu müssen. Von der Milliarde bin ich also noch sehr weit entfernt, und meinen Raum „red room of pain“ bzw. in der deutschen Version „Kammer der Qualen”, nenne ich einfach nur „Spielzimmer“.“

Shades-film.de: Wo hilft die Bekanntheit des Buches deiner Meinung nach der Szene, wo schadet sie?

Gentledom: „Soweit mir bekannt, manifestiert das Buch durchaus unschöne/unnötige Klischees, wie das einer entwicklungsgestörten Kindheit und das von Komplexen. Manch ein Klischee ist dabei unbegründet, in anderen steckt aber durchaus ein Funke Wahrheit und das stößt vielen in der Szene vielleicht sogar besonders auf. Auch nach meiner Beobachtung sind unter BDSMlern traumatische Kindheitserlebnisse (vor allem Missbrauch) häufiger anzutreffen, als unter NichtBDSMlern. Daraus kann aber eben nicht abgeleitet werden, dass es nun immer der Fall sein muss. Literarisch ist ein solcher Plot aber sicher gut gemacht: Kann Anastasia ihn dadurch heilen und ist somit in dieser Beziehung auch Heilsbringerin, trotz ihrer devoten Rolle, dann macht sie dies zur Heldin, bei der der unnahbare Held endlich die Nähe zulässt, die das Schicksal ihm vorher ein Leben lang verwehrt hat.

Auf der anderen Seite ist ein großer Verdienst von „SoG“, dass BDSM durch dieses Buch in die Mitte der Gesellschaft vorgestoßen ist und damit weit weniger als abnormal und pervers angesehen wird, als es noch vor Jahren der Fall war.

Insgesamt hilft der Erfolg des Buches der Szene mehr, als es ihr schadet. Diese Sichtweise wird aber nicht von jedem in der Szene geteilt. Besonders jene, die BDSM als etwas Elitäres betrachten und/oder dem Prinzip höher, schneller, weiter nacheifern, stehen dem Buch sehr kritisch gegenüber.“

Shades-film.de: Wie definierst du BDSM für dich? Was sind die wichtigsten Züge?

Gentledom: BDSM ist bunt und reich an Facetten. Technisch betrachtet, steht es eben für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Ich bin aber kein Freund der technischen Betrachtung, denn wo fängt BDSM nun an? Bei kleinen Fesselspielen, dem Klaps auf den Po oder erst wenn jemand die Peitsche schwingt? Mein BDSM hängt sehr von meiner Partnerin ab, denn ich ziehe einen Großteil meiner eigenen Lust aus ihrer Lust. Grundsätzlich finde ich gefallen am Bereich der Dominanz und Unterwerfung, und zähle mich daher zu den DSlern, der Schmerz ist für mich dabei eher Mittel zum Zweck (Bestrafung oder auch Belohnung). Nach meinem Verständnis geben die Tabus meiner Partnerin mir mein Spielfeld vor, in welchem ich mich jedoch gänzlich frei bewegen kann.

Shades-film.de: Deine Internetseite: Wie ist sie entstanden, welches Ziel hat sie?

Gentledom: Der Grund, aus dem ich Gentledom.de gegründet habe, war leider alles andere als ein schöner. Innerhalb von einigen Wochen wurden gleich zwei meiner Bekannten von Doms vergewaltigt, bzw. sexuell missbraucht, die sie im Internet kennen gelernt hatten. Ich wollte eine Seite ins Netz stellen, welche über Gefahren aufklärt und die eine oder andere Hilfestellung bietet. Aufgrund dieser Intention war der erste Artikel auch ein Beitrag über das Covern. Covern schützt dabei bis zu einem gewissen Grad vor Übergriffen und ist sicher nicht nur bei einem Internetdate mit einem BDSMler sinnvoll.

Noch heute ist es mir ein persönliches Anliegen, mit dem Projekt Aufklärung zu betreiben. Aufklärung allein ist aber meist langweilig und somit habe ich mich dazu entschieden, Infotainment zu betreiben, also zu unterhalten, aber dabei wichtige Informationen einzuflechten. Selbst im Bereich der BDSM Geschichten achten wir darauf, dass die einzelne Geschichte auch einen solchen Mehrwert hat und nicht nur toll zu lesen ist. Zudem haben wir viele Erfahrungsberichte und eben nicht nur jene, die von guten Erlebnissen berichten.

Das neuste Teilprojekt ist eine BDSM Community, die primär die Partnersuche erleichtern soll. Das Finden eines Partners ist oftmals eh schon nicht leicht und kommen dann noch spezielle Wünsche hinzu, wird es mitunter recht kompliziert. Hier wollen wir unseren Mitgliedern helfen und sind recht stolz darauf, dass dies auch gut angenommen wird und unsere Community trotz des sexuellen Themas eine Geschlechterparität aufweist. Kommerzielle Interessen verfolgen wir hingegen nicht, durch ehrenamtliche Helfer fallen für mich nur die Serverkosten an, die zum Glück, trotz rund 7.000 Besuchen am Tag, recht überschaubar sind.

Shades-film.de: Frauen träumen von Romantik, den großen Gefühlen, finanzieller Absicherung und davon, die „Eine” zu sein. Das macht Christian Grey offensichtlich zum Traummann. Wie wichtig sind solche Werte in deinem Leben als Dom?

Gentledom:Fast jeder träumt davon, der oder die „Eine“ zu sein, da unterscheiden sich Frauen und Männer nicht wirklich. Worin wir uns aber unterscheiden, ist die konkrete Umsetzung und Ausgestaltung des Traums.

In einer Liebesbeziehung habe ich auch immer den Anspruch gehabt, der „Eine“ für sie zu sein und das auf allen Ebenen. Bei einer Affäre kommt es hingegen sehr auf die jeweilige Konstellation an. Je größer das Machtgefälle im Kontext BDSM sein soll, umso größer ist dann auch mein Wunsch, der „Eine“ zu sein. Wenn jemand mein Halsband trägt und ich diese Frau in jenem Kontext als Besitz ansehe, dann will ich auch der einzige sein, der sie benutzen darf.

Ich glaube Liebe ist etwas, das wachsen muss, daher stehe ich einem Feuerwerk der Liebe eher skeptisch gegenüber. Ich verliebe mich in der Regel nicht wirklich schnell und Liebe ist etwas, nach dem ich mich zwar sehne, dass ich aber nicht erzwingen kann und will.

Ich unterscheide in einer Liebesbeziehung, in der BDSM eine Rolle spielt, die Ebene Mann und Frau von der des Doms und der Sub. Tiefe Gefühle entwickeln sich dabei für mich auf der Alltagsebene. Auch wenn nicht immer alles zu trennen ist, liebe ich tendenziell weitaus mehr als Mann, denn ich es als Dom tue.

Geld ist mir persönlich nicht wirklich wichtig. Das mag daran liegen, dass ich noch nie in meinem Leben Geldsorgen hatte und in einem Beruf tätig bin, in dem es mir aller Voraussicht nach immer gut gehen wird. Statussymbole bedeuten mir ebenfalls nichts, ich arbeite lieber täglich zwei Stunden weniger und fahre dafür keinen Geländewagen von Porsche, sondern nutze die beiden Stunden, um wirklich zu leben.

Shades-film.de: Viele Kritiker aus der Szene werfen der Autorin vor, unrealistisch zu beschreiben. Welche Meinung hast du dazu?
Shades of Grey ist ein Unterhaltungsroman und eben kein Sachbuch, wenn es die Leser(innen) anspricht, muss es dann wirklich realistisch sein? Ich oute mich nun mal als Fan der Serie Game of Thrones und nein, ich glaube weder an Drachen noch Zauberer 🙂

Wäre SoG das neue Sachbuch des bekannten BDSM Autoren M. Grimme, würde mein Urteil natürlich ganz anders ausfallen. Für mich gibt der Erfolg dem Buch Recht und zeigt, dass viele Kritiker nicht in der Lage sind, eine fremde Perspektive einzunehmen.

Shades-film.de: Wenn du die Autorin E.L. James treffen würdest, welche Worte würdest du an sie richten?

Gentledom: „Ich würde sie zu ihrem Erfolg beglückwünschen und ihr dafür danken, dass ihr Werk BDSM ein wenig aus der Schmuddelecke herausgebracht hat. Was ich nicht tun würde, wäre es sie zu fragen, wie viel Anastasia in ihr selber steckt, das ist privat, auch wenn ich da sehr neugierig wäre. Was ich ihr aber anbieten würde, ihr – sollte sie irgendwann wieder das Thema BDSM in einem Buch aufgreifen wollen – mit fachlichem Rat zur Seite zu stehen.

Shades-film.de: Im Februar 2015 kommt der Film ins Kino. Hast du Erwartungen daran, wirst du ihn schauen?

Gentledom: Erwartungen habe ich an den Film keine, aber ich werde ihn sicher schauen, wenn auch nicht im Kino.

Auch auf der Seite von Gentledom haben zahlreiche Frauen nach dem Erfolg von „Shades of Grey“ Fragen gestellt. Wer sich nach der Lektüre tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, kann das auf der im Mai 2012 gestarteten Magazinausgabe der Seite tun. Partnersuche, Motivationshilfe und Informationen inklusive. Oder man liest das umfassende BDSM Handbuch vom Gentledom Denn wer sich noch nicht traut, seine Neigung auszuleben, dem rät Gentledom: „Hört auf euer Bauchgefühl. Alles hat seine Zeit, wenn ihr noch nicht bereit dafür seid, ist das vollkommen okay.“

*eingetragener Künstlername