So mancher Kritiker hat sich an diesem Umstand festgeredet: E.L.James habe ihre weibliche Hauptprotagonistin so naiv und unerfahren gestaltet, dass dies schon fast an ein Märchen grenze. Eine 21-jährige Literaturstudentin sexuell völlig unerfahren! Jungfrau. Ungeküsst. Noch keine Nacht außerhalb verbracht. Welcher Jugendlicher heute wäre so? Mehr, als so mancher europäischer Journalist denken mag. Denn Jungfräulichkeit hat über den Globus verteilt einen unterschiedlichen Stellenwert in den verschiedenen Kulturen. Nicht überall wird diese einfach in der Pubertät verloren. Der erste Sex hat an Wichtigkeit erneut gewonnen und die Bedeutung der Keuschheit lässt sich heutzutage nicht in ein oder zwei Sätzen zusammenfassen.

So entstanden Wert und Bedeutung: Jungfräulichkeit in der Geschichte

Gerade in den vergangenen Jahrhunderten hatte die Jungfräulichkeit der Frau einen wichtigen Stellenwert. (Denn ihre schien überprüfbar, bei Männer nicht.) Zum einen aufgrund der Religion zum anderen aufgrund von fehlender Verhütungs- und Schutzmittel war es enorm wichtig und meist eine Bedingung für die Heirat. Wer noch ein intaktes Hymen hatte, war unangetastet und frei von Krankheiten. Auch wurde darin die zukünftige Treue der Frau gegenüber ihres Mannes gesehen. War eine Frau keine Jungfrau mehr, drohte ihr Schande und sie hatte kaum noch Chancen auf dem Heiratsmarkt. Etliche Damen wurden von ihren Familien verstoßen, waren sie vor einer Hochzeit schwanger.

Bis ins 20. Jahrhundert war die Jungfräulichkeit der Frau sogar rechtlich geschützt. Männer mussten ein Schmerzensgeld zahlen, versprachen sie die Heirat und nahmen die Jungfräulichkeit, aber vollzogen die Ehe nicht. Bis in den 70er Jahren wurden noch Urteile entsprechend des Paragrafen 1300 des Bürgerlichen Gesetzbuches gesprochen. 1998 wurde das Gesetz jedoch ersatzlos gestrichen. Die „Befreiung der Liebe“ hat auch das Thema Jungfräulichkeit verändert.

In China war die Jungfräulichkeit hingegen 2014 noch 5000 Dollar wert. Die betroffene Dame hatte sich das erste Mal einem Mann hingegeben, der sie heiraten wollte. Doch nach dem Sex verschwand er und sie fand ihn mit seiner Ehefrau wieder. In andere Kulturen wurde die Defloration künstlich vorgenommen und erfolgte nicht mit dem ersten Geschlechtsverkehr natürlich. Stammesälteste nahmen diese Ritual meist vor.

Wieder wichtiger geworden: Der heutige Wert der Keuschheit

Die Entwicklungen heute sind weit gefächert und reichen von einem Extrem zum Anderen. Viele Jugendliche verlieren ihre Jungfräulichkeit schon am Anfang ihrer Pubertät. Andere schwören in Gruppen Enthaltsamkeit – zumindest bis zur Hochzeit. Gerade in Amerika sind solche Clubs in den 90er Jahren im Zuge der Keuschheitsbewegung entstanden. Der „Purity Ring“ ist ein Symbol für deren Mitgliedschaft. Dieser Enthaltsamkeitsring hat meist ein Symbol aus der Bibel integriert. Der Schlachtruf lautet „worth to wait“ – „es ist wert, zu warten“. Die Anhänger der „Virgin Clubs“ sind oft sehr stolz darauf, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Jedoch legen auch einige Jugendliche den Ring vorzeitig wieder ab. Der Vorsatz war oft da, der Wille oder das Fleisch jedoch schwach.

In Ägypten werden immer noch unkeusche Frauen ermordet, um die Ehre der Familie herzustellen. Operationen, die das Jungfernhäutchen wieder herstellen sollen, sind ebenfalls weit verbreitet. Die moderne Entwicklung geht sogar so weit, dass manche Frauen ihre Entjungferung versteigern. Für 600.000 Euro tat diese eine Brasilianerin. Andere Organisationen kämpfen für Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper. „Terre de femmes“ beispielsweise versucht mit Aufklärung das Wissen zu verbreiten, dass Jungfräulichkeit medizinisch kaum nachweisbar ist. In Indonesien wird dennoch immer noch der „Zweifingertest“ angewandt, um angehende Polizistinnen auf ihre Jungfräulichkeit zu überprüfen. Hier dürfen nur Damen in den Staatsdienst, die frei von Sexualkrankheiten sind.

Mit 21 Jahren noch Jungfrau: Anastasia Steele ist im Trend

Viele Medien haben gerade den Fakt als unrealistisch kritisiert, dass Anastasia in „50 Shades of Grey“ mit 21 Jahren noch Jungfrau war. Doch in Amerika ist dies eben anhand der Keuschheitsbewegung nicht unbedingt unrealistisch. Denn über dem großen Teich herrscht eine ganz andere sexuelle Moral als hier in Europa. Zahlreiche Prominente haben den Enthaltsamkeitsring medienwirksam getragen: Miley Cyrus, Britney Spears und Justin Bieber beispielsweise, auch wenn die drei Beispiele ihre Ringe offensichtlich wieder abgelegt haben. Dass Ana jedoch auch ungeküsst ist, das mag vielleicht weniger mit der Realität zu tun haben.

Schaut man in die anderen Kulturen, werden nach wie vor strengere Regeln und Moralansichten praktiziert, als Ana verkörpert. Ihre Jungfräulichkeit als unrealistisch abzustempeln, ist eher eindimensional und nur oberflächlich betrachtet. Denn wie im realistischen Leben ist die Entscheidung über die Jungfräulichkeit individuell. Warum also nicht als englische Schriftstellerin eine amerikanische Heldin erschaffen, die mit 21 Jahren noch unerfahren ist? Was wäre „50 Shades of Grey“, könnte Ana längst bei allen Praktiken mitreden? Wir finden – längst nicht so spannend! Danke E. L. James – gut gemacht!