Nora Amelie hat einen Roman darüber geschrieben. Hier unser Interview mit der Autorin von „The Secrets of Grey Days“.

Nora Amelie

Nora Amelie

Wie hat Shades of Grey dich persönlich und beruflich inspiriert?
Ich hab mich lange dagegen gewehrt, das Buch zu lesen. Es passte einfach nicht in mein Beuteschema. Irgendwann wurde ich allerdings neugierig und wollte wissen, was alle Welt an dieser Story findet. Ich las also. Danach wusste ich: Das ist ein Thema, über das es viel zu sagen gibt. Seitdem sind die Heldinnen meiner Romane Shades-infiziert. Und nicht nur die 😉

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben „The Secrets of Grey Days“ und „Fifty Shades of Grey“?
Ich wäre nicht so anmaßend, meinen Roman mit „Fifty Shades of Grey“ vergleichen zu wollen. E. L. James hat einen Bestseller geschrieben, ich ein Buch. Grey in Fifty Shades ist real. In meinem Roman schlüpfen erfahrene Doms vorübergehend in die Rolle eines Grey. Wer Grey-Days bucht, tut das bewusst. Während Anastasia mehr oder weniger ungeplant in den Strudel der Ereignisse gerät. Beruflich startet sie gerade erst durch. Meine Protagonistin Marlena ist in ihrem Job bereits sehr erfolgreich. Was die beiden eint: Sie machen sich viele Gedanken darüber, wie ihre Beziehung zu einem Partner aussehen sollte. Allerdings lehnt Ana SM grundsätzlich ab. Marlena wiederum hat ein Problem damit, sich zu ihrer SM-Neigung zu bekennen.

Kannst du kurz zusammenfassen, worum es in deinem neuen Roman geht?
Im Grunde um eine ziemlich verrückte Idee. Hotelchefin Marlena kommt nicht davon los. Wie viele andere will sie vom Filmstart von Fifty Shades profitieren und eröffnet die Eventagentur G.o.G. Ihre Kundinnen sind Frauen, die SM ausprobieren wollen und nach einem Grey suchen. Aber die Umsetzung dieser Idee gestaltet sich alles andere als einfach. Nicht nur, dass es jede Menge Gegenwind in der Öffentlichkeit gibt und Marlenas dominante Mitarbeiter regelmäßig aus der Rolle fallen. Kompromittierende Fotos machen ihr zusätzlich das Leben schwer. Für das perfekte Chaos sorgt letztlich die Tatsache, dass ihre heimliche Beziehung zu SM-Clubbesitzer und Frauenarzt Alex außer Kontrolle gerät.

In deinem Buch hat die Protagonistin eine interessante Geschäftsidee. Siehst du tatsächlich Bedarf für einen Service dieser Art?
Ehrlich? Ich glaube, diesen Bedarf gibt es. Vielleicht muss es nicht unbedingt ein Grey sein. Aber wenn man eine Art SM-Schnupperkurs buchen könnte, würden die Leute das tun. Gerade dann, wenn sie die Garantie hätten, an einen Profi zu geraten und dabei volle Sicherheit zu genießen. Allerdings würden sie eine solche Eskapade wohl nicht zugeben wollen.

Wie ist die Rolle deiner Protagonistin Marlena im Vergleich zu Ana?
Die Sache ist: Ana im Buch und Ana im Film sind zwei verschiedene Personen. Die Ana im Film gefällt mir persönlich besser, weil sie selbstbewusster ist und nicht das graue Mäuschen aus dem Roman. Marlena in „The Secrets of Grey Days“ ist in keiner Weise grau, nicht mal, wenn sie ein Kostüm trägt. Sie ist taff und ziemlich clever. Sie weiß, was sie will und hat alles unter Kontrolle. Bis auf ihr Liebesleben. Denn aus ihrer eigenen Schwäche für SM macht sie ein großes Geheimnis. Die daraus resultierende innere Zerrissenheit ähnelt der von Ana. Wenn sie bei beiden auch verschiedene Ursachen hat.

Wer sind die Männer in deinem Buch, was verkörpern sie und wie sind sie entstanden?
Die Männer in meinem Roman sind vor allem eines – cool 😉 Aber im Ernst: Sie sind natürlich so, wie Frau sich den modernen Mann an ihrer Seite vorstellt – gutaussehend, erfolgreich, einfühlsam, ein bisschen selbstlos, mit einer ordentlichen Portion Macho. Und sie haben ganz konservative Schwächen. Alex beispielsweise ist rasend eifersüchtig, obwohl er als Gynäkologe Frauen kennen sollte. Mattes kämpft seit Jahren auf verlorenem Posten. Denn er hofft, aus ihm und Marlena könnte eines Tages doch noch ein Paar werden. Und Adam leidet an Selbstüberschätzung. Er ist einer der Taylors, die bei G.o.G. für die Sicherheit und den Ablauf der Grey-Days sorgen.
Dass es im Roman so viele dominante Männer gibt, überraschte mich während des Schreibens dann selbst. Allerdings war es spannend zu beobachten, wie Marlena mit diesen Männern umgeht. Wie sie immer wieder die starke Frau rauskehrt, sich jegliche Schwäche versagt und selbst bei Alex Schwierigkeiten hat, sich fallen zu lassen.

Wie passen Bücher wie Shades of Grey und The Secrets of Grey Days im Licht von Emanzipation und Frauenquote in den Zeitgeist?
Für mich ist der Erfolg von „Fifty Shades of Grey“ logisch. Denn in unserer Gesellschaft gibt es mindestens ein unlösbares Problem – das Miteinander von Mann und Frau. Obwohl wir alle in erster Linie Liebe suchen, hat niemand ein Patentrezept für harmonische Beziehungen. Wir greifen also gierig nach allem, was auch nur annähernd etwas in dieser Richtung bietet. Shades of Grey stellt ein solches Patentrezept zur Diskussion. Damit musste es erfolgreich sein. Das ist nämlich der Stoff, aus dem Bestseller gemacht werden.
„The Secrets of Grey Days“ passt für mich genauso gut in den Zeitgeist, wenn auch aus anderen Gründen. Das Bild der modernen Geschäftsfrau mit all ihren Facetten taucht in Romanen viel zu selten auf. Meistens stehen Männer mit ihren Jobs im Fokus. Ich wollte zum einen zeigen, dass auch Frauen erfolgreich sein können, zum anderen gleichzeitig eingestehen, dass für den Erfolg oftmals ganz essentielle Dinge auf der Strecke bleiben. Und dass in jeder starken Frau auch eine schwache steckt.

Einige Feministinnen protestieren gegen das angeblich in Shades of Grey entworfene Frauenbild. Wie siehst du die Entwicklung von Emanzipation und Feminismus? Sind Männer überhaupt noch das „starke“ Geschlecht? Ist der Erfolg von Shades of Grey nicht vielleicht Ausdruck einer Sehnsucht von vielen Frauen nach etwas mehr männlicher Dominanz? Was antwortest du jemandem, der deinem Buch diesen Vorwurf macht?
Diesbezügliche Vorwürfe gegen mein Buch habe ich keine gehört. Aber Vorwürfe gegen die Tatsache, dass ich mich so intensiv mit Shades of Grey beschäftige, gibt es häufiger. Oft von jenen, die sich Buch und Film verweigern und für sich in Anspruch nehmen, „das“ nicht zu brauchen. Es scheint eine Art Wettkampf zu sein nach dem Motto: Wer kann dem Mainstream am längsten widerstehen? 😉
Finde ich persönlich Quatsch. Etwas abzulehnen, was man nicht kennt, kann okay sein. Manchmal ist es aber auch ganz banales Schubladendenken. Was die Kritik an Fifty Shades betrifft, unterstelle ich vielen Ablehnern Letzteres. Wer mit mir über Fifty Shades diskutieren will, ohne das Buch auch nur ansatzweise zu kennen, hat schlechte Karten. Und wer nur vom angeblich falschen Frauenbild spricht, ebenso. Wer will sich überhaupt anmaßen, in einer so sensiblen Angelegenheit wie der Liebe von falsch oder richtig zu sprechen?
Emanzipationsbewegung und Feminismus sollten sich einer gesunden Argumentation bedienen und den Mann nicht an den Pranger stellen. Ich halte es für richtig, Männer und Frauen für dieselbe geleistete Arbeit auf dieselbe Weise zu entlohnen. Und wenn Frauen reale Möglichkeiten bekommen, sich um Führungspositionen zu bewerben, ist das nur fair! Denn was sollte Männer dafür prädestinieren, diesen Job besser zu machen? Ihre Dominanz?
Ich glaube, Dominanz wird häufig falsch interpretiert. Nur weil ein Mann als Ernährer der Familie gilt, muss er nicht dominant sein. Und wenn er sich um den Nachwuchs kümmert, ist das kein Ausdruck für Unterwerfung. Unser Männerbild ist über die letzten Jahrzehnte aus den Fugen geraten. Wenn wir nicht aufpassen, geht es eines Tages wieder um die Emanzipation des Mannes. Die Familienpolitik liefert dafür bereits Hinweise.
Um wieder auf „Fifty Shades of Grey“ zu kommen – ja, Frauen (und offensichtlich gar nicht so wenige) haben Sehnsucht nach dem starken Mann. Aus ganz egoistischen Gründen. Sie wollen die Verantwortung, die ihnen der Emanzipationsprozess aufgebürdet hat, wenigstens zeitweise los sein. Sie brauchen Phasen ohne Druck und Situationen, in denen sie sich dem Partner bedenkenlos anvertrauen können. Sie wollen sich fallenlassen, Führung abgeben. Da es aber nicht mehr angesagt ist, solche vermeintlichen Schwächen offen zu zeigen, bleibt nur die Möglichkeit, sie im Privaten auszuleben.

Welche Reaktionen bekommst du allgemein auf deine Bücher?
Positive, begeisterte, nachdenkliche. Die Leser mögen meine Figuren, weil sie „echt“ rüberkommen. Besonders ihre Gefühlswelt. Sie sind von den erotischen Szenen gefesselt, mögen meinen Schreibstil. Und sie finden es toll, dass ich wirkliche Geschichten erzähle, dass die Figuren einen Entwicklungsprozess durchlaufen, Fehler machen und innere Zerrissenheit zeigen. Wie im wahren Leben. Häufig entdecken die Leser bei meinen Heldinnen Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die ihnen bekannt vorkommen. Die sie an Dinge erinnern, die sie selbst erlebt haben. Das ist mir wichtig. Ich möchte, dass sich der Lesers in meinen Stories wiederfindet.

Wie entstehen deine Romane? Recherche, Planung, Schreiben – wie läuft das ab?
Ich sitze nackt ans Bett gefesselt, während ich mit verbundenen Augen (Gott-sei-dank kann ich blind tippen) eine Erotikszene in die Tastatur hämmere. *grins* Nein, natürlich nicht. Auch Schreiben ist normale Arbeit. Und so ein Schreibtag hat mal locker zwölf Stunden. Jedenfalls, wenn ich so richtig mitten drin bin.
Die Idee für eine Geschichte trage ich manchmal ewig mit mir herum. Die „Insel der Nachtigallen“ lag beispielsweise zehn Jahre in meinem Schreibtisch, bevor ich einen Roman daraus machte.
Bei „The Secrets of Grey Days“ lief das anders. Die Idee von der Agentur, die Shades-Feeling anbietet, kam mir irgendwann letzten Sommer. Zunächst wusste ich nur, dass ich den Roman pünktlich zum Filmstart von „Fifty Shades of Grey“ rausbringen wollte. An einem der letzten sonnigen Herbsttage saß ich dann im Strandkorb eines Berliner Cafes und dachte darüber nach, wie so ein Shades-Feeling-Angebot überhaupt aussehen könnte. Was ich als Frau davon hätte. Und welchen Typ Mann ich mir in der Rolle eines Grey vorstellte. Ich notierte sämtliche Fragen, die in diesem Zusammenhang auftauchten, und versuchte, sie irgendwie zu ordnen.
Dann waren die Figuren dran. Agenturchefin Marlena sollte sich mit dominanten männlichen Mitarbeitern konfrontiert sehen. Damit setzte ich sie, bildlich gesprochen, auf ein Pulverfass. Da ich meine Lieblingsprotagonisten aus der „Insel der Nachtigallen“ ebenfalls auftauchen lassen wollte, musste ich herausfinden, wie sie in den neuen Roman passten. Und zum Schluss gab ich Marlena eine heimliche Affäre: Alex, Frauenarzt und SM-Clubbesitzer.
Während ich mich durch den Anfang der Geschichte quälte – die berüchtigte Angst des Autors vorm weißen Blatt, recherchierte ich Unmengen von Fakten. Beispielsweise die Unterschiede zwischen einer Partnervermittlung und einer Agentur, die Affären organisiert. G.o.G. sollte rechtlich wasserdicht sein. Ich recherchierte die SM-Clubszene in Deutschland, Whiskysorten, Hotels, die mit Shades-Feeling werben und natürlich Sextoys. Viel Kopfzerbrechen bereitete mir die Frage, wie ich sieben dominante Männer, die so genannten Taylors, so darstelle, dass man sie unterscheiden kann. Und schließlich wollte ich einen Weg finden, wichtige Ereignisse um die bevorstehende Filmpremiere von „Fifty Shades of Grey“ einfließen zu lassen. Ich war quasi permanent im Shades-Fieber, saugte jede Neuigkeit gierig auf.
Als ich die ersten fünfzig Seiten fertig hatte, stellte ich fest, dass irgendwas falsch lief. Ich kam nicht in den Schreibflow hinein. Die einzige Lösung war ein neuer Anfang. Den alten packte ich in meinen Ordner „entfallene Szenen“ 😉
So richtig prekär wurde es dann noch mal zum Schluss. Den Prolog, in dem es um die Filmpremiere von „Fifty Shades of Grey“ geht, konnte ich natürlich erst schreiben, nachdem die Premiere stattgefunden hatte. Ich hab also wirklich bis zur letzten Sekunde am Roman gefeilt.

Was planst du als nächstes?
Den zweiten Teil zu „The Secrets of Grey Days“ plus Kurzromane über die Kundinnen von G.o.G. Darüber, wie sie diese Grey Days erleben. Ich recherchiere in diesem Zusammenhang u. a. in einem Bondagestudio 😉
Und dann gibt es natürlich schon Ideen für ganz neue Projekte. Die Lust aufs Bücherschreiben bleibt mir in den nächsten Jahren also definitiv erhalten.

Werden Shades of Grey Fans auch deine Bücher lieben?
Klar. Schließlich steht die Frage im Raum: Was kommt nach dem Film? Wir wollen jetzt alle wissen, wie sich „Fifty Shades of Grey“ auf unser eigenes Leben auswirkt. Was passiert, wenn wir das Buch gelesen und den Film gesehen haben? Brauchen wir jetzt Sadomasochismus für unser Liebesglück?
Im Netz gibt es hitzige Debatten darüber, ob die wachsende Lust auf SM pure Einbildung ist oder real. Manche SMler lehnen Anfänger, die durch SoG in die Szene kommen, grundsätzlich ab. SM sei nichts, was man mal eben ausprobieren könne wie eine neue Sportart. Wo also beginnt BDSM? Kann das jeder praktizieren? Oder ist es nur eine Mode, die irgendwann wieder verschwindet?
Antworten auf diese und ähnliche Fragen finden sich in meinen Romanen. Und zwar mit einer ordentlichen Portion (dominanter) Erotik gewürzt 😉

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