Die Lust erhalten: Auch nach Jahren der Ehe kann das Sexleben erfüllt sein

Sex ist längst kein Tabuthema mehr. Und mit Werken wie „50 Shades of Grey“ kommen sogar neue Facetten in den Fokus der Öffentlichkeit. „Lets talk about sex“ scheint das Motto dieses Jahrtausends zu sein. Doch gäbe es einen vierten Teil: Ana und Christian nach zehn Ehejahren – wie sähe dann ihr Liebesleben aus? Denn wer kennt das nicht. In den ersten Wochen der neuen Beziehung können die Partner kaum die Finger voneinander lassen und es fällt schwer, das Bett überhaupt zu verlassen. Doch mit der Zeit verschwindet diese Lust. Gerade lang verheiratete Paare beklagen oft, dass ihr Liebesleben eingeschlafen sei. Statt gemeinsamer Lust im Bett herrscht oft Frust im Eheleben. Seitensprünge und Affären gefährden die Beziehung. Wie hält man das Sexleben frisch, auch wenn der Alltag eingekehrt ist?

Sex in der Ehe: Von langweilig bis aufregend

Wird geheiratet, ist es mit dem Sex vorbei, sagt eine Weisheit. Doch das muss nicht sein. Wie oft ist normal, fragt sich so mancher frustrierter Ehemann. Die Antwort ist einfach: Nichts ist normal. Beim US-Portal Reddit trauen sich Eheleute, ihre Sexualität offen zu legen. Und hier zeigt sich die Vielfalt. Ein jungverheiratetes Paar (drei Jahre, ein Baby) berichtet beispielsweise, dass es zweimal pro Woche Sex habe, manchmal mehr. Und dieser sei der Wahnsinn. Ein anderes Paar hat nach fünf Jahren dreimal pro Woche bis täglich Sex. Ein nach 21 Jahren Ehe inzwischen getrenntes Paar hatte fünf Jahre lang gar keinen Sex mehr und nach 22 gemeinsamen Jahren berichtet ein Paar von dreimal pro Woche bis alle zwei Wochen, je nachdem, was das Leben eben gerade zulasse: vom faulen Morgensex bis hin zu einer Stunde voller Intensität. Es gibt keine Pauschale, nach der sich Ehefrau und Ehemann richten können oder sollen. Denn Sex ist individuell und ebenso ist dessen Häufigkeit.

Dennoch gibt es natürlich auch statistische Zahlen: Im Durchschnitt haben die Deutschen laut einer Studie des Kondomherstellers „Durex“ 97-mal Sex im Jahr (zusammenlebende Paare 131-mal, Eheleute 85-mal und Singles 64-mal). „Bild“ hingegen meldet, es seien durchschnittlich 138,9-mal Sex im Jahr. Nach zehn Ehejahren seien 85 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer mit ihrem Liebesleben unzufrieden. Eine in Auftrag von „Focus“ durchgeführte Untersuchung ergab, dass 26 Prozent der Befragten glauben, mehr als zweimal in der Woche Sex sei normal. Fast die Hälfte plädierte für ein- bis zweimal in der Woche und zwölf Prozent sprachen sich für ein- bis dreimal im Monat aus. Auch Statistiken fallen eben unterschiedlich aus.

Dass die Lust nach einer Weile nachlässt, ist biologisch verursacht. Forscher fanden heraus, dass im Gehirn Phenylethylamine (PEA) unter anderem für die Lust verantwortlich sind. Sind wir verliebt, werden sie im Dauerzustand produziert. Deswegen können Paare in der Anfangszeit nicht die Finger voneinander lassen. Während bei der Frau dieses Niveau anhält, wird beim Mann die Ausschüttung nach drei bis sieben Monaten gesenkt. Er leidet unter Entzug und versucht seine Produktion anzukurbeln. Auf Deutsch: Die Forscher vermuten, dass der Reiz beim Mann schnell verfliegt und Langeweile eintritt. Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher glaubt sogar, dass PEA die Paare so lange zusammenhält, bis die Kinder aus dem Gröbsten raus sind.

Gefahr der Langeweile: Seitensprünge und ihre Ursprünge

Ist einer der Partner gelangweilt, kommt es oft zum Ausbruch aus der Beziehung. Seitensprünge kommen häufiger als angenommen vor. Laut Statisten (Quelle Statista.com) ist jede deutsche Frau bereits zweimal fremdgegangen, Männer sogar schon 3,6-mal. Die Mehrzahl der Affären dauerten zwischen einem Monat und einem halben Jahr an (41 Prozent bei den Männern, 46 Prozent bei den Damen). Fast ein Drittel ging für die fremdgehenden Männer länger. 23 Prozent der Damen hielten ihre Affäre länger als ein halbes Jahr aufrecht. Nur zwölf Prozent der männlichen Seitensprünge sind One-Night-Stands, bei den Damen sind es nur 9 Prozent.
Wo der Seitensprung dabei anfängt, ist zwischen den Geschlechtern unterschiedlich. Eine Umfrage von paarship.de und der Innofact AG aus dem Jahr 2013 zeigt, dass Frauen hier offenbar deutlich empfindlicher sind. 12 Prozent der Damen beurteilen schon Blickkontakt mit anderen als Fremdgehen. 20 Prozent deuten einen Porno anzuschauen bereits als Seitensprung. Bei den Männern sind das nur 11 Prozent. Enges Tanzen gilt für 45 Prozent der Damen als Untreue, bei den Männern nur für 31 Prozent. 68 Prozent der Frauen verteufeln ebenso Anrufe bei der Sex-Hotline, 47 Prozent der Männer tut es ihnen gleich. Drei Viertel der Frauen verstehen die Anmeldung bei einem Flirtportal als Fremdgehen, bei den Männern gilt das nur für 57 Prozent verwerflich. Einig werden sich die Geschlechter bei One-Night-Stands, parallelen Partnerschaften und sexuelle Affären. Hier sehen jeweils über 90 Prozent das als Fremdgehen an.

Dabei war der Seitensprung nicht immer moralisch verwerflich, zumindest für die Männer. Im Mittelalter war es gang und gäbe, dass Dienstherren auch sexuelle Gefallen von ihren weiblichen Bediensteten einholten. Denn schließlich waren sie ja auch Teil seines Eigentums. Konkubinen wurden offen gehalten, Könige hatten Mätressen. In bürgerlichen Zeiten bekam die Ehe eine strengere Bedeutung und eine Affäre außerhalb wurde als verwerflich angesehen. Geliebte hielten ihre Beziehung meist geheim, da sie geächtet wurden. Erst mit der Emanzipation und der „Befreiung“ der Liebe im späten 20. Jahrhundert wurde das Konstrukt „offene Ehe“ gesellschaftsfähiger. Besuche im Swingerclub, Partnertausch und andere sexuelle Aktivitäten waren längst nicht mehr so verwerflich. Auch Dreierbeziehungen werden offener geführt. In heutigen Zeiten befürchten Frauen viel mehr eine emotionale Bindung ihres Partners an eine andere Frau. Reine sexuelle Kontakte werden daher öfter ignoriert. Die Männer hingehen können mit einem unkomplizierten Vaterschaftstest in heutigen Zeiten diese Fehltritte nachweisen und verzeihen weniger.

Monogamie versus Polygamie: Ist Untreue genetisch verankert?

SeitensprüngeSo mancher Wissenschaftler beschäftigt sich mit dem Ursprung und den Gründen des Seitensprungs, der so lange existiert, wie die Menschheit. Immer mehr Studien verweisen darauf, dass sowohl Evolution, als auch Genetik beim Fremdgehen eine Rolle spielen. Eine Untersuchung aus New Mexiko hat ergeben, dass die Kompatibilität der Immunsysteme beider Partner darüber entscheidet, ob sie treu bleiben. Je ähnlicher die Gene, desto weniger attraktiv findet die Frau ihren Partner mit der Zeit. Gerade in fruchtbaren Tagen wird sie von Männern mit unterschiedlichen Genen angezogen. Andere Verhaltensforscher sehen im Seitensprung eine evolutionäre Notwendigkeit. Denn Frau braucht beides: einen Ernährer und einen Mann, der gute Gene an die Nachkommen gibt. Nicht immer ist dies in ein und demselben Mann zu finden. Daher sei der weibliche Seitensprung vorprogrammiert. Und auch die männliche Untreue ist wissenschaftlich erklärt. Denn die Evolution habe dafür gesorgt, dass der Mann seine Gene möglichst vielfältig verteile, um ihren Fortbestand zu sichern.
Unter dem Begriff „New Monogamy“ ist bei Forschern ein neuer Treuebegriff entstanden. Wenn beide Partner sich an der langen Leine lassen, gegenseitig Dinge erlauben und die Monogamie auf die emotionale Ebene beschränken, so kann das auch die eigene Beziehung beleben.

Attraktiv bleiben: Spannung im Sexleben zu erhalten ist nicht unmöglich

Die Erlebnisberichte mancher Paare machen jedoch Mut und beweisen, dass nicht immer die Libido erlischt und die Chemie im Kopf über die Lust und Liebe siegt. Das wichtigste für Paare ist, attraktiv füreinander zu bleiben, sich weiter zu pflegen und nicht gehen zu lassen. Wenn einmal das Sexleben eingeschlafen ist, ist es schwer, es wieder in Gang zu bringen. Forscher fanden ebenfalls heraus: Bleibt der Sexreiz längere Zeit aus, werden auch die Wünsche weniger. Je weniger Sex, desto weniger Lust also.
Am Anfang einer Beziehung sorgt die Neuheit für den Reiz. Dieser verfliegt automatisch, je näher und länger sich das Paar kennt. Die Liebe braucht Geborgenheit, Vertrauen und Gleichheit. Die Lust jedoch Abwechslung, Fremdheit und Risiko. Paaren, die also zu sehr aufeinander kleben, vergeht die Leidenschaft von selbst. Wer es aber hingegen immer noch schafft, sich gegenseitig zu überraschen, hat gute Chancen, diesen Reiz zu bewahren. Sich gegenseitige Freiheiten zugestehen, kann auch bedeuten, sich zu vermissen. Wer sich nacheinander sehnt, vereinigt sich nach einer Zeit der Trennung leidenschaftlicher. Wer sich selbst pflegt und auch an sich denkt, sich selbst etwas Gutes gönnt, nicht jeden Ballast beim Partner ablädt sowie sich und dem Partner Geheimnisse zugesteht, der kann auch auf Dauer geheimnisvoll, attraktiv und interessant bleiben.

Gemeinsam neue Dinge entdecken, kann ebenfalls eine Lösung sein. Ob Spielzeug, Stellungen oder Praktiken – das offene Gespräch ist hier oft der Anfang. Sex muss auch nicht immer Stunden dauern. Gerade in Zeiten eines stressigen Alltags sind Quickies eine Lösung. Wer auf die Zeit für den Sex wartet, wartet manchmal vergebens. Den Sex in den Alltag einplanen, kann ebenso reizvoll sein. Wie sagt man so schön? Vorfreude ist die schönste Freude. Wenn SIE dann noch ein neues Negligé abfotografiert und IHM mit dem Pausenbrot auf Arbeit mitgibt, ist ein schöner Abend vorprogrammiert. Denn die Fantasie ist eine weitere Quelle der Lust. Vielfalt eine andere. Es muss nicht immer das Bett sein. Auch andere Orte können reizvoll sein. Visuelle Reize finden sich in Videos. Es sollte nicht immer nur der eine anfangen. Auch hier ist Abwechslung gefragt. Die Ebene des Spiels bietet die Möglichkeit, Neues auf der Basis der Unverbindlichkeit auszuprobieren. Andere Paare aktivierten ihr Liebesleben durch das Risiko neu, dabei erwischt werden zu können. Wieder andere gehen offen in den Swingerclub, schauen lustvoll zu oder teilen ihre Lust. Wer kann, macht einen Partnertausch, ohne dies als Fremdgehen anzusehen. Denn das ist immer eine Frage der eigenen Interpretation.
Wann haben Sie sich das letzte Mal zu einem Date verabredet? Wie in den Anfangszeiten der Beziehung sollten beide getrennt zur Verabredung erscheinen. Was wird sie anhaben? Welchen Duft hat er aufgelegt? Spannung entsteht! Auf einer Party kann man so tun, als ob man sich nicht kennt, eine Hotelsuite kann verruchte Gedanken freisetzen, das Treffen im Sommer am See Erinnerungen an die Anfangszeit hervorrufen. „No risk – no fun“ ist hier das Motto. Wer im Sexleben ein wenig die Sicherheit der Beziehung über Bord wirft, wird so manche Überraschung erleben.

Grenzen der Fantasie und Mittel gibt es hier nur eine Einzige: die Grenze des Paares. Beide Parteien müssen mit den Dingen einverstanden sein und vor allem Spaß daran haben. Dann kann das Liebesleben auch über Jahre hinweg, trotz Alltagsstress und Nachwuchssorgen abwechslungsreich und aktiv bleiben.
Eins sollte jedoch niemals vergessen werden: Die Masse ist nichts wert, wenn es keine Klasse hat. Lieber einmal weniger Sex haben – aber dafür Guten! Dem würden sicher auch Ana und Christian nach zehn Ehejahren zustimmen.