„50 Shades of Grey“ – Der Film: Eine Rezension zwischen Damengelächter

Am Einlass starren enttäuschte Teenager den Einlasser an und versuchen, sich den Eintritt zu erbetteln. Doch es gibt kein Erbarmen, wenn sie unter 16 Jahre alt sind. Im Kinosaal befinden sich zu 98 Prozent Frauen, mit Sekt und roten Rosen bewaffnet, dem Möbelhauswerbemann Auszieh-Rufe entgegen schmetternd und lauthals kichernd, als eine Werbung für Vaginalcreme über die Leinwand flimmert. Ein Sextoy-Vertrieb und ein Internetdatingportal bringen das Gelächter zum Höhepunkt. Die wenigen Herren schauen währenddessen nervös um sich, um wenigstens einige männlichen Leidensgenossen zu finden und sich mit dem Wissen um ihre Anwesenheit besser zu fühlen. Es ist Valentinstag und im Kino läuft „50 Shades of Grey“ an.

Jamie Dornan in Berlin

Zwischen weiblicher Erwartung und Filmwissen

In dem Filmpalast, in dem ich in das Vergnügen des Movies komme, starten die Vorführungen alle halbe Stunde. Das hatte ich bisher bei keinem anderen Film erlebt. Dennoch ist der größte Saal des Cinemas bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Damen grüßen sich über die Reihen hinweg, die halbe Stadt scheint hier versammelt zu sein. Nervös wird über die Erwartungen geplaudert. „Hoffentlich haben sie nicht alles Interessante raus geschnitten“, erklingt rechts von mir. „Ich bin echt gespannt, ob Jamie überzeugt“, ertönt es aus der Reihe hinter mir. Ich hingegen bin auf ganz andere Dinge gespannt: Wie ist der Film erzählerisch umgesetzt? Wie sind die Szenen aufgebaut? Welche Bildsprache hat die Regisseurin gewählt? Natürlich kenne ich die Bücher, zahlreiche Geschichten um die Verfilmung und hatte bereits zahlreiche Rezensionen über den Film gelesen. Davon versuche ich mich nun freizumachen und aus meiner Sicht den Film zu schauen. Als Autorin, Redakteurin und Kennerin von Dramaturgie, Schnitt und Filmmusik habe ich ganz andere Erwartungen, als endlich das Licht vollständig gelöscht wird, die ersten Töne des Soundtracks erklingen, ziehende Wolken auf der Leinwand erscheinen und die ersten Buchstaben des Vorspanns aufleuchten. Die Skyline von Seattle folgt in einer Kameraüberfahrt und dann ist die erste Überraschung zu sehen: „Da ist er“, flüstert eine Dame neben mir, als im ersten Filmbild Christian Grey auftaucht.

Filmische Elemente: Nahaufnahmen und Mut zur Lücke

Christian als Erst-gezeigter – damit hatte ich nicht gerechnet, denn das Buch ist aus Anastasias Sicht geschrieben. Da hatte Regisseurin einen ersten Coup in meinen Augen gelandet. Der Film beginnt damit, wie der heiß begehrte Milliardär joggt, sich anzieht, im Wagen fährt. Erst dann wird Anastasia gezeigt. Und schon hier zeigt sich die gewählte Bildsprache. Statt mit plumpen Dialogen werden die beiden Hauptpersonen der Geschichte mit von Musik untermalten Bildern etabliert. Die Ansicht des Firmensitzes des „Grey House“ verrät dem Zuschauer, wo sie sind. Und dann folgen mehr Close-Aufnahmen als Totalen: strahlende Augen, der erste Lippenbeißer, Hände, die Interviewfragen in Anas Hand. Mit wenigen Bildern kommt der Film gleich zur Sache: „Mister Grey wird Sie jetzt empfangen.“ Die Hintergründe verschwinden in unscharfer Tiefe, sobald die beiden miteinander zu tun haben. Zur Überraschung fehlen auch die inneren Monologe der Studentin, die im Buch den Leser in ihre naive, unerfahrene Gedankenwelt entführte. Stattdessen zeigt die Körpersprache der Schauspieler, was in ihrem Inneren vor sich geht. Ana schaut nervös an sich runter, nachdem sie die blonden, perfekten Empfangsdamen betrachtete. Eine Nahaufnahme von Christians Hand, die sich in die Tischplatte seines Schreibtisches krallt, während er Ana betrachtet, verrät seine Anspannung. Bildsprache – ein Mittel, das im Buch nicht zur Verfügung stand. Die Monologe fehlen erzählerisch in keiner Weise. Mut zur Lücke – besser gesagt zur Stille – dient ebenfalls als gestalterisches Mittel der Filmemacherin. Gefühlte Sekunden lang ertönt kein Laut, bis Christian Anastasia einen Bleistift reicht, um ihr über den fehlenden Stift hinwegzuhelfen. Manch anderer Regisseur hätte hier vielleicht schon Musik gesetzt. Stattdessen springen die Funken in aller Stille. Erst später setzen die ersten Klavier- und Geigentöne ein, um die Emotionalität der Szene zu untermalen.

Witzige Dialoge und Timing: Gelächter als Erfolgsbeweis

All das entgeht dem normalen weiblichen Zuschauerauge neben, vor und hinter mir. Sie lachen über die wirklich witzig gestalteten Dialoge. Das Timing stimmt deutlich besser als in den Büchern. Die Übergänge der Szenen sind so kurz gehalten, dass Frage und Antwort von Christian und Anastasia besser aneinander schließen. Die E-Mails ploppen als Grafik auf. Grau in der rechten oberen Bildecke. Zugegeben, hier muss ich die Augen zukneifen, denn vom Stil der Bilder fällt dieses einfache graue Viereck in der Qualität extrem ab. Das mag in der originalen Fassung anders aussehen. Dennoch erfüllen die Grafiken ihren Zweck und Anas Text, sie erscheine in einem Jutesack, überlappt sich fasst noch mit dem Bild, in dem sie im atemberaubend engen Kleid aus dem Fahrstuhl steigt. „Heißer Sack“, begrüßt Christian sie. Das Gelächter ertönt um mich herum als Beweis, dass das Timing der Filmemacher funktioniert. Allgemein fällt mir auf, dass die Dialoge durch mehr Witz und Charme deutlich besser als im Roman überzeugen.

Bildsprache erzählt mehr, als der Zuschauer ahnt

Und die Schlüsselszenen? Das Spielzimmer erkundet Ana mit erwartender Kamera. Diese ist bereits im Zimmer, während ihre Reaktion gefilmt wird, bevor ihre Sicht auf die Spielzeuge freigegeben wird. Der Sub-Dom-Vertrag wird wieder mit einer Nahaufnahme eingeführt. Der Inhalt ertönt mit Christians Stimme – vorgelesen, während verschiedene Bilder mit Blenden aneinander gereiht die vergehende Zeit erzählen. Auf dem Weg zur Vertragsverhandlung wird Anastasia plötzlich von unten im Fahrstuhl gefilmt: sie wächst bildlich. In der Verhandlung selbst eröffnet eine Halbtotale bildlich einen Verhandlungskrieg: sie links, er rechts, dazwischen ein langer Tisch. Gekonnte Bildsprache, sagt der Experte in mir. Doch so richtig warm werden will ich nicht mit der Synchronstimme von Christian Grey. Irgendwie klingt sie nicht so tief, wie der Charakter eigentlich sein sollte. Vielleicht subjektive Geschmackssache.

Und die Sexszenen? Sie sind ebenso gekonnt in der filmischen Variante aus meiner Perspektive. Sie erzählen ebenfalls in Nahaufnahmen. Sie deuten an und lassen dem Zuschauer weiteren Freiraum für seine eigene Fantasie. Blenden, Musik mit Atmosphärengeräuschen gemischt, kurze Wortfetzen, wieder Nahaufnahmen, Slow Motions. Wer keinen Hardcore-Porno mit zahlreichen Detailaufnahmen von Geschlechtsteilen erwartet hat, wird diese Szenen mögen. Ich empfinde sie als ästhetisch.

Und die Erzählung? Natürlich sind nicht alle Szenen des Buches auch im Film untergebracht. Der Fan mag dadurch enttäuscht sein, hat sicher der eine oder andere Lieblingsszenen, die nicht auftauchen. Doch erzählerisch ist alles vorhanden, was der Zuschauer braucht. Die Informationen bauen gekonnt aufeinander auf, unnötige Details und Fragen sind außen vor gelassen. Die Spannung baut sich mit dem Mut zur Lücke, unerwarteten Stimmungswechseln und langen Blenden auf. Nach dem ersten „Blümchensex“ herrscht Stille. Nichtssagende Leere lässt den Zuschauer gespannt auf die Reaktionen warten. Nach glücklichen Momenten folgt ein Satz von Mister Grey, der Anas Stimmung von himmelhochjauchzend zu Tode betrübt kippen lässt. „Arschloch“, ertönt es aus der Reihe hinter mir und ich tauche aus meiner Analysehaltung wieder auf. Ein kurzer Blick um mich herum zeigt, dass so manche Dame sprichwörtlich gefesselt ist und mit Anastasia mitleidet. Diese Tatsache spricht ebenfalls für die Verfilmung.

Dakota-Johnson-in-Berlin

Ein Fazit-Versuch: Gelungen oder nicht gelungen?

Was bleibt nach dem Abspann dann zu sagen? Meine Freundin – eine Liebhaberin der Bücher – ist schwer enttäuscht ob der fehlenden Details, die sie beim Lesen liebte. Andere Besucher sind geschockt, dass der Film am Ende des ersten Teils ebenfalls endet. Wiederum andere Stimmen zeigen sich begeistert. Ein Fazit hängt von der Perspektive ab. Als Buchfan mag man von der Verfilmung von „50 Shades of Grey“ mehr erwartet haben. Als BDSM-Liebhaber mag man über die nur angedeuteten Details schmunzeln. Als Laie ist hier keine Anleitung und Lehre zu finden. Als Kritiker kann man erneut die unrealistische Erzählung kritisieren, die sich von Buch zu Film nicht geändert haben kann. Aber als Filmemacher? Ich muss sagen, mir haben die meisten Elemente gefallen, vor allem die Bildsprache hat mich mitgerissen. Die Musik ist gekonnt gesetzt, die Songs des Soundtracks hervorragend der Stimmungen der Szenen angepasst. Manche Details hätten in meinen Augen noch ausgereifter sein können – aber man kann ja nicht alles haben. Sprachlich hat der Film gegenüber dem Buch unbestreitbar gewonnen. Und ich schließe mich der Meinung der Autorin E. L. James selbst an, deren Lieblingsszenen die Flugstrecken und die Vertragsverhandlung sind. Gerade Letzteres überzeugt durch Witz und purem Gerede über Sex und wirkt somit heißer, als manche Nahaufnahme im Spielzimmer selbst. Für mich braucht es keine 90 Minuten „hartes Ficken“. Auch die Schauspieler überzeugen mich: Dakota Johnson deutlich mehr als Jamie Dornan. Er wächst bis zum Ende des Filmes. Seine stärkste Szene ist in meinen Augen die Bestrafung kurz vor Schluss.

Also: Wer keinen Hardcore-Porno mit unendlich vielen Fesselspielen und ein wenig Dialog dazwischen erwartet, offenen Auges auch die kleinen versteckten Details entdeckt und schon beim Lesen emphatisch für Christians und Anas Liebesgeschichte war – der wird auch den Film nicht verschmähen. Meine Schulnote für den ersten Teil von „50 Shades of Grey“: eine gute 2!

Claudia Koppe